Altreifenentsorgung: Von Altreifen, Karkassen, Schälschlangen und Gummimehl

Die meisten Autofahrer beschäftigen sich für gewöhnlich zweimal im Jahr mit den Autoreifen: Um Ostern herum, wenn es Zeit wird, von Winter- auf Sommerreifen umzurüsten, und im Oktober, wenn es gilt, sich mit geeigneter Bereifung für Schneefall und Glatteis zu wappnen. Meist werden die nicht mehr benötigten Reifen von den Werkstätten bis zur nächsten Saison eingelagert oder entsorgt, sofern sie abgefahren sind. Das betrifft Reifen, die die gesetzliche Mindestprofiltiefe von 1,6 mm unterschreiten. Experten empfehlen, nicht so lang zu warten: Sommerreifen sollten über mindestens 3 mm, Winterreifen über mindestens 4 mm Profiltiefe verfügen. Wer kurz überschlägt, wie viele Autos auf deutschen Straßen unterwegs sind, ahnt bereits, was die Altreifenentsorgung für eine Mammutaufgabe ist. Jährlich fallen etwa 600.000 Tonnen Altreifen an, von denen jeder eine Halbwertszeit von ungefähr 2.000 Jahren hat.

Altreifen für Export und Runderneuerung

Ein abgefahrener Reifen ist aber längst noch kein Fall für den Schredder: Er wird entweder in Länder exportiert, in denen aufgrund schlechter Straßenverhältnisse keine hohen Geschwindigkeiten gefahren werden können – vor allem afrikanische und südamerikanische Länder sind hier beliebte Abnehmer – oder der Altreifen wird nach ausführlichen Testläufen für die Runderneuerung vorgesehen. Jeder Pkw-Reifen darf einmal, jeder Lkw-Reifen bis zu dreimal runderneuert werden – sofern bestimmte Rahmenbedingungen erfüllt sind. Bei dem Prozess der Runderneuerung wird zunächst das restliche Profil von der Karkasse entfernt. Die Karkasse ist die Basis des Reifens. Das dabei anfallende Gummimehl ist ein wichtiger Rohstoff, der unter anderem im Straßenbau, aber auch bei der Gestaltung von Sportanlagen und Spielplätzen eingesetzt wird. Auf die Karkasse wird danach mithilfe modernster Technik eine neue Gummimischung aufgetragen. In der Heizpresse bekommt der Reifen dann sein neues Profil und gelangt nach erneuter Qualitätsprüfung in den Handel.

Zwei Wege des Altreifen-Recyclings

Reifen, die beschädigt, oder komplett abgefahren sind und für die keine der oben beschriebenen Verwertungsmethoden infrage kommen, werden entsorgt und kommen entweder in die thermische oder die stoffliche Wiederverwertung. Bei der thermischen Wiederverwertung werden Reifen in der Industrie, etwa in Zement-, Zellstoff- und Kraftwerken, als Brennstoff verwendet. Diese Methode genießt keinen allzu guten Ruf, weil man mit brennenden Autoreifen eher Umweltverschmutzung assoziiert. Tatsächlich sind Altreifen mit einem Heizwert von ca. 9,0 kWh/kg und einem Schwefelgehalt von ca. 1,2 % aber hervorragende Energiespender.

Gummigranulat: Werkstoff mit Zukunft

Keine Energie, sondern ein neuer Werkstoff steht am Ende der stofflichen Wiederverwertung. Dazu wird der Reifen mithilfe von Rotorscheren oder im Zweiwellen-Schredder grob zu handtellergroßen Stücken zerhäckselt oder aber längs in Schälschlangen geschnitten und dann schließlich in mehreren Durchgängen in sogenannten Feinvermahlungsanlagen zu grobem oder feinem Granulat gemahlen. Dabei werden die Bestandteile Metall und Textilfasern rausgeholt. Es handelt sich um einen komplexen Prozess, da das Gummimehl völlig rein sein muss, um seiner weiteren Bestimmung zugeführt werden zu können.

Sportplätze, die früher eine Aschenbahn hatten, haben immer häufiger gelenkschonende Kunststofflaufbahnen. Auf Spielplätzen und in Schwimmbädern schützen die weichen Gummiflächen Kinder vor Verletzungen, und auch Kunstrasen wird aus den kleinen Gummikörnern angefertigt. Zahlreiche weitere Verwendungsmöglichkeiten sind denkbar: Das Granulat ist Basis für elastische Kleb- und Füllstoffe, Schuhsohlen, Dachbeläge und vieles mehr. Anteilig wird Gummimehl auch in Straßenbau eingesetzt, um den Asphalt elastischer und widerstandsfähiger zu machen.

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